Der Gebetsraum
Fünf Fenster sind in diesem Raum. Sie erzählen von der Liebe. Direkt aufs Glas geschrieben, liest es sich hier auf dem ersten Fenster von der Eltern-, auf dem zweiten von der Schwester- und Bruderliebe. Im mittleren wird bestätigt, dass auch die Begierde als Liebe gilt, und von Sexualorganen ist da unverblümt und schön die Rede; rechts davon von jenem Gefühl, das in der Freundschaft aufblüht. Unmittelbar daneben findet sich als letzte Strophe dieses Hohelieds jene Seltenheit, die keine Forderungen stellt.
Jedes Fenster bietet einen anderen Ausblick auf die Welt vor den Mauern. Weil das Fensterglas gefärbt ist, blickt man mal auf eine gelbe, mal auf eine grüne, ein ander mal auf eine rote oder blaue Freiheit. Viel ist darüber diskutiert worden, weshalb das letzte Fenster nicht einen glasklaren und ungetrübten Blick hinaus erlaubt.
Auch dieses Zimmer ist nicht umkämpft. Im Gegenteil: Eine hohe Durchlaufquote zeichnet es aus. Menschen kommen, verweilen kurz vor den Fenstern, eilen hinaus.
Es mag daran liegen, dass, wer von der Liebe liest, nicht länger warten will und sich unmittelbar auf die Suche nach einer ihrer Ausprägungen macht. Eine der Türen führt direkt in die winzige Schreibstube.
Wenn der Maurer nicht mit einem Eimer Mörtel in der Hand und einer Meute auf den Fersen unterwegs ist, führt ihn sein Weg immer wieder in dieses Zimmer. Dann verharrt er vor dem mittleren Fenster und blickt hinaus. Was sich seinem Auge bietet, ist heftig in seiner Wirkung auf des Handwerkers Gemüt, denn alsbald sieht man ihn hechelnd durch die Zimmer der Stadt hetzen. Ziellos und liebestoll.
Der Luftschutzraum
Erst durch die Beschriftungen an der Wand wird die Funktion des Raumes verständlich, da er keine Fenster besitzt. Die Decke hängt so tief, dass sie den Eindruck von massiver Schwere vermittelt. Der Zugang zum Raum erfolgt durch eine Schleuse. Öffnet man die erste Panzertür, wird das Schloss der zweiten durch einen einfachen Mechanismus arretiert und erst wieder freigegeben, wenn sich die erste Türe schliesst. Für einen Moment steht man im Dunkeln, bis der Griff der zweiten Panzertür gefunden ist und sich durch kräftiges Stemmen in den Hauptraum öffnet, welcher elektrisch beleuchtet ist.
Nicht berühren, steht für alle gut lesbar in Leuchtschrift an der Wand, selbst wenn die Glühbirne an der Decke erlöschen sollte. Das Verbot jeder taktilen Erfahrung hält die Erinnerungen in Zaum. Wer diesen Raum betritt, konzentriert sich ganz auf die Befolgung dieser einen einfachen Anweisung, wodurch für die Dauer des Aufenthalts jedes Gefühl vergessen geht.
Versuche, an den Wänden von einer märchenhaften Welt zu erzählen, in der die Sonne schien und die Äcker reiche Früchte trugen, misslangen. Wer das Schöne vor Augen hat, reagiert mit einer besonders ausgeprägten Sensibilität auf mögliche Bedrohungen. Explosionen von Granaten vor den Panzertüren hörten sich an, als sei man ihnen schutzlos ausgeliefert. Sperrfeuer von Maschinengewehren, glaubte man, gelte den Schutzsuchenden, obwohl es deutlich hörbar aus der Ferne auf andere Wände schoss. Man bekam Platzangst.
Nicht berühren, also.
Auf seiner Flucht vor der Meute meidet der Maurer diesen Raum. Mit einem Eimer Mörtel in der Hand und einem Bauplan unter dem Arm sind die Panzertüren nicht zu öffnen.
Das Schlafzimmer
Der Maurer will nur eines: in Ruhe Aussichten schaffen. Er muss die Meute von vier fünf Gestalten, die ihn verfolgt, abschütteln und gleichzeitig dabei darauf achten, dass nicht weitere auf ihn aufmerksam werden. Wenn einer mit einem Eimer Mörtel in der Hand und einem Bauplan unter dem Arm durch die Räume hastet, ist das schon verräterisch genug. Folgen ihm dann auch noch vier fünf dicht auf den Fersen, weiss jeder, der ihn sieht, dass ein neuer Raum entstehen wird.
Er hat alles schon erlebt: Dass Pazifisten ihm den Mörtel klauten. Dass Freischärler, im Bestreben den Raum zu besetzen, bevor er entstand, ihn überfielen und den Bauplan entwendeten. Dass er folglich das Bauvorhaben aufgeben musste, weil ihm die Pläne dazu fehlten.
So führt er seine Verfolger denn in einem riskanten Manöver durch Kriegszonen, in der Hoffnung, der eine oder andere lasse sich in die Kampfhandlungen verwickeln. Oder aber durch ruhige, kaum bewohnte Zimmer, wo die Sehnsucht nach Liebe besonders stark auf Durchgänger wirkt.
Da ist ein Bett. Gegenüber ein Fenster. Gross, weisse Gardinen davor, die dem Sonnenlicht etwas die Schärfe nehmen. Schiebt man sie beiseite, geben sie den Blick frei auf einen Fensterrahmen, auf dem von der Liebe geschrieben ist. Liebe endet immer in Einsamkeit, steht da. Wer liebt, denkt der Leser, ist selber Schuld. Er blickt durch das Fenster in einen üppig blühenden Garten. Darin ist ein Baum, darunter Schatten, darin eine Frau, die bitterlich weint. Sie bemerkt ihn am Fenster, er versteckt sich nicht. Bist selber Schuld, denkt er und dreht sich um. Das Bett ist leer.