Der Salon

Woher kommen die Texte für die Fensterrahmen? Oder für die Wände, wo keine Fenster sind? fragt die Philosophin.
Ich bin kein Poet, sagt der Maurer.
Es ist deine Handschrift. Woher also?
Er legt den Ursprung ihrer Fragen als Neugierde aus, versteht sie als kaschiertes Interesse an seiner Person.
Hinter einer Tür ist angeregtes Plaudern zu hören. In der Regel reicht das, um Unbefugte davon abzuhalten, sie zu öffnen. Den Unachtsamen und Überhasteten zuliebe wurde das Schild angebracht: Zutritt verboten.
Es ist kein schöner Anblick: Auf einer einem Fenster nachempfundenen Projektionsfläche überschlagen sich Bilder einer phantastischen, unerträglichen Welt. Im Raum verteilt kauert die Avantgarde der Dichtergilde über Tastaturen, in die sie ihre Sprachexperimente tippen. Interessante Ansätze werden von einer Kulturkommission auf ihre Massentauglichkeit hin überprüft und diskutiert. Passiert ein Weltbild diese Hürde, wird der entsprechende Satz per Kurier in ein Nebenzimmer gesandt, wo Auftragsschriftsteller ihn in eine allgemein verträgliche Form bringen. Von da geht es in ein Ablagefach, das der Maurer regelmässig leert.
Die Philosophin zeigt sich sichtlich verstört und der Maurer fragt sich, ob es nicht vielleicht ein Fehler war, sie herzubringen.
Die allermeisten dieser Sätze schaffen es nie an eine breite Öffentlichkeit, sagt er, aber sie werden benötigt, um einer eventuellen Stagnation in der Entwicklung unseres Weltbilds entgegenzuwirken.
Das ist alles?

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 27.10.2006
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Der Brunnen

Vorsicht jetzt!
Der Maurer hebt eine in den Boden eingelassene Falltür an und hilft den vier fünf der Meute einem nach dem anderen hinab auf ein eisernes Gerüst. Er folgt, dann streckt er die Arme aus, nimmt den Eimer mit Mörtel entgegen, den die Philosophin ihm hinabreicht, stellt ihn ab.
So, wir sind da, sagt er, nachdem auch sie auf das Gerüst geklettert ist.
Ein neuer Raum soll in einem Brunnen gebaut werden? fragt die Meute fassungslos.
Nein, erklärt der Maurer, ich muss hier nur die Brunnenwand ausbessern.
Kein neuer Raum? fragt die Meute.
Nein.
Ungläubig: Wir sind dir umsonst gefolgt?
Dann: Wo geht’s hier hinaus?
Die Philosophin bleibt.
Verputz hat sich von der Brunnenwand gelöst und einige Textfragmente mit sich gerissen. Der Maurer arbeitet schnell. Mit geübter Hand verstreicht er den Mörtel, übertüncht ihn mit schnelltrocknender Farbe, um sodann mit aller Sorgfalt Buchstaben in die Textleerstellen zu malen.
So, sagt er, jetzt schau mal hinauf. Der Blick ist jetzt wieder ungetrübt.
Doch sie – wie sie da auf dem Gerüst sitzt, die Beine in das Wasser hineinbaumeln lässt – sie blickt hinab.
Woher kommt das Wasser? fragt sie.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 27.10.2006
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Der Geheimgang

Da es kein Aussen gibt, kann die Stadt nur nach innen wachsen. Neue Räume werden in bestehende Räume hineingebaut. Gelegentlich werden veraltete Räume entfernt, nicht um Platz zu schaffen, denn dieser ist unendlich, sondern um den stadtplanerischen Massstäben zu genügen. Immer wieder müssen Stadtarchitekten an Gemeindeversammlungen den Raummangel rechtfertigen. Unter Platzmangel leidet unsere Stadt nicht, weshalb also wird nicht mehr gebaut? werden sie gefragt.
So einfach ist das nicht, erklärt der Maurer. Die Räume müssen aufeinander abgestimmt sein. Von Raum zu Raum ändert sich die Aussicht, doch dürfen die Wechsel nicht zu abrupt erscheinen. Überraschende Ausblicke sind zwar erlaubt und erwünscht, es gilt jedoch, das Gesamtkonzept im Auge zu behalten. Des weiteren muss darauf geachtet werden, dass Türen sich immer in benachbarte Räume öffnen. Man will ja nicht, dass man durch eine Türe tritt und ins Leere fällt, sagt er und lacht.
Bisweilen aber geschieht das Malheur, dass eine Raumkonstellation durch unachtsame Planung oder schieren Zwang Leerräume erzeugt. Es mag eine leichtversetzte Mauer sein, wie hier, die eine Spalte im Wandgefüge bewirkt. Wer ohne genaue Kenntnis des Stadtplans hindurchschlüpft, verirrt sich. Deshalb wird versucht, ihre Lage geheimzuhalten. Geht eine Vermisstmeldung ein, suchen wir immer zuerst hier. Doch wer im Besitz fundierten Ortswissens ist, kann diese Gänge auch für seine Zwecke nutzen. Sie eignen sich vortrefflich als Abkürzungen.
Wie jetzt, zum Beispiel, da ich mit den zeitlichen Bauvorgaben in Verzug geraten bin. Beeilt euch, aber achtet darauf, dass ihr mich nicht aus den Augen verliert.

Timbuktu |
Markus A. Hediger am 27.10.2006
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