Halt ein Bub (3)
„Die Ohrfeige würde die Schwellung erklären, nicht wahr? Ebenso Luíz’ schlechte Laune.“ Auch auf diesem Foto kann ich nichts wirklich Aufsehenerregendes erkennen. Ganz im Gegenteil: Ich frage mich, ob die Fotos sich überhaupt für einen Jubiläumsartikel eignen. Wer einen Fund aus dem Archiv eines der grössten Fotografen der 70er und 80er erwartet, wird sicherlich enttäuscht sein, wenn er diese geradezu biederen Bilder sieht.
Unbeirrt, ja stolz fährt Rosa fort:
„Vater hatte Freude an der Fotografie. Er machte es sich zur Aufgabe, unsere Familie bei jeder Gelegenheit abzulichten. Ständig war er mit Lampen und Reflektoren beschäftigt, leuchtete die Szenerien aus, die er auf Film bannen wollte. In welchem Licht wir dabei erschienen, kümmerte ihn nicht. Für damalige Verhältnisse eine sehr moderne Einstellung.“
Ich blättere um und sehe Fotos von Luíz in der Schule, wie er verkrampft an seinem Pult sitzt, den Blick gereizt auf den Lehrer gerichtet; oder auf dem Pausenplatz, wutentbrannt und mit hochrotem Kopf auf einen Kameraden losgehend; dann in der Mensa, tobend, völlig ausser sich.
„Luíz hatte immer schon einen aufbrausenden Charakter gehabt. Seine Wutausbrüche waren lästig, aber kein Anlass zu übermässiger Sorge. Seine Lehrer glaubten, sein Temperament mit disziplinarischen Massnahmen unter Kontrolle bringen zu können. Auch Vater meinte, er sei halt ein Bub. Ich sah das als Schwester naturgemäss etwas anders, nur allzu gern hätte ich ihn als Problemkind gebrandmarkt gesehen. Ich hasste ihn, wie alle Schwestern ihre Brüder hassen. Wir waren eine ganz normale Familie.“
Das Brasilien, das ich liebe
1
In wenigen Wochen finden in ganz Brasilien regionale Wahlen statt. Tausende von Kandidaten bewerben sich für wenige Sitze in Gemeinderäten und Stadtparlamenten. Allein in Rio, wo 50 Sitze zu besetzen sind, kämpfen über 1200 Anwärter um die Stimmen des Volkes. Da eine neue Gesetzgebung Wahlplakate verbietet und die Gesichter von Kandidaten nicht länger Outdoors und Mauern und Überführungen zukleistern dürfen, hat sich der Wahlkampf auf Autotüren und –scheiben verlagert. Fährt man durch die Stadt, kommt man gar nicht drum herum, ständig auf ein freundliches Gesicht zu blicken, das einen von einer Heckscheibe herab anlächelt. Rio, könnte man meinen, ist plötzlich nett geworden.
2
Als ich am Sonntag nach einer fünfstündigen Busfahrt in Caxambú, einem 22’000 Seelen-Städtchen, das sich wunderschön in die grünen Berge von Minas Gerais einschmiegt, ankam und auf meinen Jugendfreund wartete, entdeckte ich plötzlich einen alten, weissen Fiat, der über und über mit Wahlparolen beschriftet war. „Ich stimme ungültig“ stand darauf, und: „Weniger korrupt ist nicht gut genug“. Der Fiat fuhr die Auffahrt zur Busstation herauf und hielt mit quietschenden Reifen direkt vor mir. Noch bevor ich den Fahrer durch die beschrifteten Scheiben hindurch erkennen konnte, war er schon aus dem Wagen gesprungen und wir lagen uns in den Armen.
3
Auf der Fahrt zu seinem Haus erklärte mir mein Freund, den ich das letzte Mal vor fünfzehn Jahren gesehen hatte, dass in einem kleinen Städtchen wie Caxambú jeder alles über jeden Kandidaten weiss. Keiner von denen hat eine reine Weste, erklärte mir Biry. Die Einwohner meinen nun resigniert, sie müssten halt denjenigen wählen, der am wenigsten Dreck am stecken hat. Er versuche der Bevölkerung beizubringen, dass sie eben doch eine Wahl hat, nämlich die, für gar keinen zu stimmen. Sein Auto sei schon Gesprächsstoff in der ganzen Stadt.
4
Biry und ich teilten 1989/90 nur während einem Jahr dieselbe Wohnung in São Paulo. Er arbeitete im Kundendienst bei American Express und stand am Anfang seiner Zeichnerlaufbahn, während ich mich als Übersetzer über Wasser zu halten versuchte und erste Schritte im Schreiben unternahm. Das Geld war bei beiden knapp. Erhielt einer von uns ein Honorar, gingen wir gemeinsam erstmal gut essen und trinken. Ich steckte damals schon tief in meiner Glaubenskrise, einige Kirchenmitglieder und meine Exfreundin setzten mir nach, irgendwann packte ich meinen Koffer und reiste in die Schweiz ab. An den Abschied von Biry kann ich mich kaum noch erinnern, er fand zwischen Tür und Angel statt, keine innige Szene auf jeden Fall. Im Lauf der nächsten Jahre sahen wir einander während meiner Brasilienreisen noch zwei drei Mal, dann brach der Kontakt ab. Er verliess São Paulo und hinterliess keine Adresse.
5
In den folgenden Jahren habe ich immer wieder versucht, ihn übers Internet ausfindig zu machen, doch Biry schien technologieresistent. Erst dieses Jahr leuchtete sein Name auf dem Bildschirm auf, als ich etwas halbherzig einen neuen Versuch unternahm. Nun endlich sassen wir einander in seinem Studio gegenüber und versuchten innerhalb von wenigen Stunden die vergangenen 15 Jahre nachzuholen.
6
Biry ist mittlerweile ein gefragter Kinderbuchillustrator und kann sich und seine beiden Töchter mit seiner Arbeit ohne grossen Stress über Wasser halten. Auch er hat schwierige Jahre hinter sich, eine hässliche Trennung und einen noch hässlicheren Kampf ums Sorgerecht seiner Kinder. Er ist in eine Frau verliebt, die in einem Städtchen an Rios Küste lebt, und er trägt sich mit dem Gedanken, mit seiner Familie in ihre Nähe zu ziehen. Aber das alles, meinte er, ist im Moment nicht wichtig. Willst du nicht noch ein paar Tage länger bleiben?
7
Ich konnte nicht. Heute wird Carla, meine Frau, operiert, unsere Kleine leidet wieder einmal unter einer heftigen Allergieattacke. Aber bevor ich mich wieder in sein Wahlkampfauto setzte und er mich zur Busstation fuhr, beschlossen wir, einige gemeinsame Projekte in die Tat umzusetzen. Und ich versprach ihm, alles zu tun, um in Brasilien bleiben zu können. Auch wenn für eine Rückreise in die Schweiz schon einiges in die Wege geleitet ist und wir eigentlich nur noch auf Carlas Visum warteten, um die Flugtickets zu kaufen. Gestern schickte ich erste Bewerbungen hinaus, morgen werden weitere Firmen angeschrieben. Ich habe das Brasilien, das ich liebe, wiedergefunden.
Luíz lacht nicht mehr (2)
„Capri, Sommer 1959“, erklärt Rosa mit einer Stimme so leise wie ihre Bewegungen. „Vaters erstes Foto überhaupt. Für die Reise nach Italien hatte er extra die Kamera gekauft. Man sieht es an der noch ungeübten Belichtungszeit, an der nicht ideal gewählten Tiefenschärfe.“
Das Bild zeigt einen etwa zehnjährigen Knaben in den Wellen, wie er lachend in die Kamera schaut und dabei ein Mädchen unters Wasser drückt.
„Ihr Bruder?“ frage ich.
„Luíz“, nickt Rosa lächelnd, „und das prustende Fräulein da bin ich.“
Von Sandermanns Handschrift ist auf dem Foto noch nicht viel zu erkennen. Zu sehr schien er, da er es schoss, noch mit der Technik dieses ungewohnten Apparats beschäftigt, zu sehr noch…
„Schauen Sie sich dieses Bild genau an“, unterbricht Rosa meine Betrachtungen. „Sehen Sie sich dieses Bild genau an. So werden Sie meinen Bruder nie wieder sehen.“
„Es scheint mir ein ganz normales Urlaubsfoto zu sein, wie es mittlerweile in jedem Haushalt Dutzende davon gibt. Ich kann darauf nichts Aussergewöhnliches erkennen“, erwidere ich.
„Schauen Sie sich den Jungen genau an“, insistiert Rosa. „Merken Sie sich dieses lausbubenhafte Lachen.“
Auf dem zweiten Foto, geschossen in der Familienwohnung in Buenos Aires, wenige Monate später, lacht Luíz nicht mehr. Jetzt steht er zwischen Vater und Schwester, neben der Schwester lächelt die Mutter. Ich erkenne das Mobiliar wieder, das Wohnzimmer ist, so scheints, seit vierzig Jahren unverändert geblieben. Dasselbe Sofa, dieselben Sessel, selbst die Kissenbezüge sind noch dieselben.
„Luíz lacht nicht mehr, sehen Sie“, sagt Rosa.
„Es ist ein gestelltes Bild. Kinder hassen so was. Ich habe selbst zwei und weiss, wie schwierig es ist, glückliche Familienfotos zu schiessen“, wende ich ein.
„Das meinte ich nicht, Señor. Sehen Sie die rötliche, lichtreflektierende Schwellung an seinem linken Mundwinkel? Tagelang hatte Luíz sich zuvor nervös Spucke auf die Stelle geschmiert. Bis es Vater zu viel wurde und er ihm eine Ohrfeige verpasste.“