Die Kühlbox (5)



image



„Wir durften Luíz kaum noch anfassen. Er ertrug Berührungen nicht. Ich nutzte jede Gelegenheit und schlug ihn, wann immer ich konnte. Er wehrte sich nicht. Selten setzte er sich jetzt noch hin, verbrachte viel Zeit im Stehen. Manchmal weinte er sogar, wenn er ins Bett sollte. Eines Tages bemerkte Mutter, dass sämtliche Watte aus dem Badezimmer verschwunden war.“
Rosa war aufgestanden, hatte vom Fenster aus mit dem Rücken zu mir erzählt. Jetzt wendet sie sich mir wieder zu und setzt sich neben mich aufs Sofa. Ruhig aber entschlossen nimmt sie das aufgeschlagene Album von meinem Schoss, legt es auf ihre schmalen Schenkel. Sie blättert kurz darin, dann hebt sie es ein bisschen an, damit auch ich es sehen kann.
Es ist ein Foto vom geöffneten Schuhschrank im Flur. Unter all den Schuhen, Sandalen und Stiefeln der Familie fällt mein Blick sofort auf die Einlagen aus Watte.
„Diese dunklen Schatten auf der Watte – ist das Blut?“
„Jeder Druck auf Luíz Haut bewirkte, dass sie aufplatzte. Luíz muss das Gehen höllische Schmerzen bereitet haben. Er hat sich aber nie darüber beklagt, merkwürdig, nicht? Wie stolz ein solcher Junge sein kann…“
„Nur, damit ich das verstehe und es auch meinen Lesern klarmachen kann: Sie fanden es nicht eigenartig? Luíz’ Berührungsangst, diese Blutungen, sein seltsames Verhalten?“
„Sie sehen innerhalb von Minuten eine Entwicklung, die sich über Jahre hinwegzog – vergessen Sie das nicht.“
„Luíz selbst wollte nie einen Arzt aufsuchen?“
„Ich glaube, er schämte sich. Er steckte ja mitten in der Pubertät, der arme Junge. Aber irgendwie, und besser als wir alle, muss er gewusst haben, was mit ihm vor sich ging. 1962, als wir unsere Wunschliste für Weihnachten erstellen sollten, wünschte Luíz sich eine Kühlbox.“


imagines familiae |
Markus A. Hediger am 14.09.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Eine unverzichtbar körperliche Erfahrung



image



1
Wie nachhaltig mein Gottesbild mich geschädigt hat, ist mir letzte Nacht nochmals deutlich vor Augen geführt worden – durch ein sehr schönes, ein berührendes Erlebnis, das mir vorführte, wie falsch auch mein Vaterbild ist – und vor allem, wie falsch das Bild ist, das ich mir von mir selbst als Vater mache.

2
Die Beziehung zwischen einer brasilianischen Mutter und ihrem Kind ist sehr innig. Für einen als Schweizer auf konsequente Erziehungsmethoden getrimmten Mann zu innig manchmal. Die brasilianische Frau liebt das Wissen darum, dass das Kind von ihr abhängig ist, und schützend läuft sie ihrem Kleinen andauernd hinterher. Dem Vater, der das Kind auch einfach mal machen lassen will, wird da schnell der Vorwurf der Sorglosigkeit gemacht. Der Vater wird so – so zumindest fühlt es sich bisweilen an – zu einem Statisten gemacht: Nichts, was er mit der Kleinen unternimmt, nichts, wie er es tut, genügt den Ansprüchen der Mutter, und so überlässt er nach und nach das Terrain dem Profi. 

3
Die Abhängigkeit der Mutter von ihrem Kind äussert sich in unserer Familie unter anderem so, dass unsere Kleine nur in den Schlaf findet, wenn die Mutter bei ihr liegt. Es zeichneten sich also Horrorszenarien ab, als meine Frau für ihre Operation ins Spital musste und dort einige Tage verbringen würde. Die erste Nach ohne Mama war denn auch schrecklich für das Kind. Als am Abend die Müdigkeit kam, verlangte sie nach ihrer Mutter. Ich versuchte sie zu beruhigen, sang ihr Kinderlieder vor, trug sie auf dem Arm durch das dunkle Zimmer, aber nichts half. Weinend fiel sie schliesslich in einen unruhigen Schlaf, aus dem sie immer wieder nach Mama rufend erwachte. Dann hiess es, sie erneut in die Arme nehmen, erneut hilflos ihrem Weinen zuzuhören. 

4
Dann die Überraschung am gestrigen Abend: Als sie müde wurde und schlafen wollte, unterbrach sie ihr Spiel und verlangte, von mir auf den Schoss genommen zu werden. Still legte sie den Kopf an meine Schulter und gemeinsam warteten wir, bis der Schlaf kam. Während der Nacht dann erwachte sie ein einziges Mal. Sie rief „Papa!“, ich legte ihr meine Hand auf den Bauch und innerhalb von Augenblicken war sie wieder eingeschlafen.

5
Die Erfahrung, dass ein Kind sich an den Vater anlehnen und an seiner Schulter ruhig werden kann, hatte ich ganz vergessen. Nicht, weil meine Frau mir nie Gelegenheit gegeben hätte, sie zu machen. Nicht, weil ich es selber nie mit meinem eigenen Vater erlebt hätte. Wir hatten – bevor ich ins Internat kam – ein sehr inniges Verhältnis zueinander und ich kann mich gut an das Gefühl der absoluten Sicherheit erinnern, das ich immer hatte, wenn ich in seiner Nähe war.

6
Aber dann brach Gottes Willkürlichkeit in mein Leben ein und entfernte mich von meinem Vater. Gott, sagte man mir, ist jetzt dein Vater.

7
Ich habe mich in Gottes Gegenwart nie sicher, geschweige denn geborgen gefühlt. Ich misstraute ihm, traute ihm jederzeit zu, eine weitere Katastrophe in meinem Leben auszulösen, es kamen viele. Gott ist Gott und taugt als Vater nicht. Auch das Vatersein, das hat mich meine Tochter gelehrt, ist – wie das Mannsein – eine unverzichtbar körperliche Erfahrung. Vater kann nur sein, wer eine Schulter hat, die gerade so ist, dass ein Kind sich daran in den Schlaf schmiegen kann.


ikonoklasmus |
Markus A. Hediger am 13.09.2008
(2) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Hässliche Dinge eben (4)



image



Nächstes Foto: Porträtaufnahme von Luíz. Eingefallene Wangen, bleiche, durchscheinende Haut, tiefe Augenringe, desperater Blick. Dunkle Venen fahren dicht unter seiner Haut quer durchs Bild. Es ist eine hässliches Sujet, ein junger Mann, der nicht begreift, wie ihm geschieht. Aber eine wundervolle Aufnahme. Sandermanns Handschrift, die liebevolle, geradezu zärtliche Art, sein Sujet ins Bild zu rücken, ist bereits deutlich erkennbar. Wo Zuneigung sich aufs Elend richtet, zeigt es sich umso deutlicher dem Auge des Betrachters. Vielleicht, denke ich, ist nur Liebe in der Lage, die Wahrheit derart schonunglos aufzuzeigen.
Da, sie muss meine fast andächtige Bewunderung bemerkt haben, lacht Rosa plötzlich auf. Es ist ein bitteres Lachen, das ihr entfährt, bevor sie zu ihrer gewohnt leisen Stimme zurückfindet:
„Das Absurde ist, dass wir’s nicht sahen. Wir schauten uns die Aufnahme an und bemerkten nicht, was mit Luíz vor sich ging. Damals waren wir, Vater ohnehin, zu sehr von der neuen Sicht eingenommen, die sich durch die Fotografie auf die alltäglichsten Dinge eröffnete. Die Details, die die Kamera zu Tage förderte: die Mitesser auf der fettigen Haut, der Flaum, der auf Luíz’ Oberlippe zu wachsen begann, hässliche Dinge eben, die eine Schwester gerne sieht. Dabei war’s doch offensichtlich… Hinzu kam, dass Luíz sich zu jener Zeit wiederholt über seine dünne Haut beklagte. Wir hielten es für eine Redewendung, eine Metapher für sein gereiztes Wesen. Je älter Luíz wurde, desto ärger bekam er die Folgen seines cholerischen Gemüts zu spüren. Die Kollegen mieden ihn, Mädchen wollten von ihm nichts wissen. Es muss hart für ihn gewesen sein.“
Luíz bei den Hausaufgaben, schräg von hinten aufgenommen. Am Boden, im Vordergrund, liegt Schwester Rosa und liest, auf die Ellbogen gestützt, ein Buch. Auf dem Foto ist deutlich ein dunkler, auffälliger Fleck auf Luíz’ rechter Schulter zu sehen.
„Blut?“ frage ich.


imagines familiae |
Markus A. Hediger am 13.09.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink
Seite 7 von 201 « Erste  <  5 6 7 8 9 >  Letzte »