Alban Nikolai Herbsts “Die Dschungel”: Das multiplizierte Ich
“Reale Kommentatoren und Romanfiguren”, schreibt Herbst in seinem Weblog heute (im P.S.), “werden nicht unterschieden; es kommt nicht selten vor, daß ein realer Kommentator zur Romanfigur wird, es kommt nicht selten vor, daß ein Mitschreiber Der Dschungel seinerseits Figuren erfindet, die in Der Dschungel dann als Kommentatoren, schließlich bisweilen auch als Beiträger auftauchen usw.”
Was seit geraumer Zeit auf “Die Dschungel” beobachtet werden konnte und in Herbsts eigenen Worten sich wie nach einer Vervielfachung der Figuren in seinem Weblog-Roman anhört, scheint nun ins Gegenteil umzuschlagen. So kommentiert José Hugo Ernesto Lavantes (anonym) am 13. August:
“Ist eigentlich keinem klar, dass all diese Kommentare Herbst selber schreibt? [...] Sogar der Lavantes, der sich unter meinem Namen registriert hat, eine Unverschämtheit sondergleichen, ist Herbst. Hier ist alles immer nur und ausschliesslich Herbst.”
Wo früher Viele waren und diese Vielen noch Mehr wurden, wird aus diesen nun wieder Einer: Egal, ob die Kommentatoren von Herbst selbst erfunden wurden oder tatsächlich aus anderen Fiktionen ihren Weg in “Die Dschungel” fanden - sie alle schreiben an der Romanfigur “Herbst” mit. Da mag der Kommentator Lavantes noch lange behaupten, er selbst - und Lupus vielleicht noch - sei davon natürlich ausgenommen.
Ich glaube ihm nicht.
(Vielleicht ist dies - die Rückführung aller Beiträge und Kommentare auf EINEN Verfasser - der letzte (und notwendige) Schritt hin zur Verwirklichung von Herbsts ursprünglicher und immer wieder mit Nachdruck wiederholten Idee, dass “Die Dschungel” ein Roman seien. Der Leser ist nun soweit, dass er “Die Dschungel” endlich auch als solchen liest.)
Das Wetter und der Verkehrslärm
6:10:
“Es regnet endlich”, dachte ich, als ich um halb drei in der Früh aus dem Schlaf heraus die Augen öffnete. Ein sehr gleichmässiges, angenehmes Rauschen erfüllte das Schlafzimmer. Ich stand kurz auf, um nachzusehen, ob die Fenster alle geschlossen waren, blickte durch die Scheiben hinaus und sah auf eine trockene Strasse. Es regnete nicht. Das Rauschen war durch einen sehr gleichmässig dahinziehenden Verkehr verursacht worden, die Nuancen des Motoren- und Reifenlärms von den geschlossenen Fenstern unterdrückt.
Überhaupt gehört der Lärm in dieser Stadt ebenso zum Wetter wie die Sonne. Ich blicke in den wolkenlosen Himmel und höre ihn. Je nach Wetterlage hört sich auch der Verkehr anders an. Bei heiterem Wetter gibt sich der Verkehr besonders verrückt, hektisch, nervös und aggressiv. Regen beruhigt auch die Gemüter der Autofahrer.
Gestern war solch ein heiterer Tag (in Rio sind die meisten Tage heiter). Wo das Wetter sich kaum verändert, scheint es, als geschähen die Dinge rein zufällig. Wenn jeder Tag sich gleicht, spielt es keine Rolle, wann was geschieht. Gestern, nach langen neun Monaten, durfte ich im Büro der Bundespolizei meine Identitätskarte abholen. In Brasilien ist man nur wer, wenn man sich ausweisen kann. Wer keine ID vorzuweisen in der Lage ist, darf sich auf seine Bürgerrechte nicht berufen und seine -pflichten nicht ausüben. Ich habe die letzten neun Monate folglich in etwas nervösem Zustand verbracht. Jetzt bin ich wer. Blicke ich heute morgen in den Spiegel, ist es, als hätte ich an den Rändern an Schärfe gewonnen.
22° C und Wolken am Himmel.
5 Uhr 32 bei 20° Celsius.
5:32:
Bei aufgesperrten Fenstern beträgt die Zimmertemperatur angenehme 20° C. Es ist 5:32 Uhr und noch dunkel draussen. Der Lärm, der von der Strasse durch die Fenster in unsere Wohnung heraufsteigt, ist noch moderat. Einige rufende Männerstimmen sind zu hören. Bald wird der Verkehrslärm zu einem konstanten, lauten Rauschen anschwellen und die Kaffeetasse auf dem Unterteller erzittern lassen. Dann müssen die Fenster geschlossen werden und die Raumtemperatur wird ansteigen.
Die Wettervorhersage verspricht für Rio de Janeiro einen heiteren Wintertag bei Temperaturen um die 30°.