So gut wie seine eigene Hosentasche (2)



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Vielleicht wäre es besser, er wiche heute von seiner üblichen Route ab und suchte sich einen beleuchteten Umweg. Der Stromausfall ist sicherlich lokal begrenzt, ausgelöst durch einen Kurzschluss in einer der alten und seit Urzeiten nicht mehr renovierten Wohnungen. Vinícius blickt nach links, dann nach rechts: Auf seiner Strassenseite erstreckt sich die Lichterkette in beiden Richtungen in den Tumult des feierabendlichen Verkehrs hinein. Doch gegenüber verliert sich die Dunkelheit in der Ferne. Kein Licht, kein Lämpchen, kein Blitzen, nicht einmal ein Glimmen.

Vinícius kennt seinen Heimweg so gut wie seine eigene Hosentasche. Eigentlich könnte es ihm egal sein, ob die Lichter brennen oder nicht. Selbst im Schlaf wäre er in der Lage, den Schlaglöchern am Strassenrand auszuweichen. Er weiss, an welchen Stellen der Asphalt aufgerissen ist, wo eine geplatzte Wasserleitung den Belag unterspült hat. Zehn Minuten, ganze lächerliche zehn Minuten trennen ihn vom Depot, in dem er seinen rollenden Laden über Nacht einzustellen pflegt und über dem seine kleine Wohnung liegt. Aber dennoch zögert er.

Also steht er weiter an der Ampel und beobachtet den Verkehr, der an ihm vorbeizieht: blendend helle Scheinwerfer, die das Heck des voranfahrenden Autos beleuchten. Dunkle Scheiben, hinter denen sich der Schatten eines Kopfes erkennen lässt, manchmal auch das Aufglimmen einer Zigarette. Wie an einer unsichtbaren Schnur zieht es die Menschen in ihren Wagen nach Hause, eine nicht enden wollende, rollende Lichterkette. Erst jetzt fällt ihm auf, dass keines der Fahrzeuge aus dem Verkehr ausschert und in das dunkel daliegende Quartier abbiegt. Kein einziges Auto, das den Blinker setzt, und dann, als der Fahrer die Finsternis bemerkt, in die er im Begriff ist hineinzufahren, von seinem Vorhaben ablässt. Es ist, als ignorierte der gesamte Verkehr diesen in Dunkelheit getauchten Stadtteil, als existierte er überhaupt nicht. Und das, obwohl es an normalen Nächten da nur so von Leben brummt.


finis terrae |
Markus A. Hediger am 18.09.2008
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Kalt gelassen



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07:07:
Jetzt ist der Winter tatsächlich noch nach Rio gekommen. 17° bitterkalt ist es am frühen Morgen und die Aussichten auf einen Temperaturanstieg im Laufe des Tages sind äusserst gering. Seit drei Tagen hängen dicke Wolken über der Stadt und immer wieder fällt aus ihnen Regen. Erste Anzeichen einer sich ankündigenden Depression sind zu beobachten: Lustlosigkeit, Müdigkeit, Sehnsucht nach Frühling. Gestern dankte ich meiner Frau dafür, dass sie, als wir in der Schweiz unsere Sachen packten, darauf beharrte, dass ich meine leichten Pullis mit nach Rio nähme. Letzte Woche bewegten sich die Temperaturen noch an der 40° Grenze. Das Wetter ist tief gefallen.
Nicht einmal der tiefe Fall altehrwürdiger Finanzinstitute in Amerika und in der Schweiz vermag die Seele des carioca zu erhitzen. Macht ihn das Wetter frieren, lässt ihn auch alles andere kalt.


tempo / tempo |
Markus A. Hediger am 17.09.2008
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Lichtausfall (1)



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[Da ich an den bereits publizierten Passagen nochmals herumgewerkelt habe, hier nochmals der Beginn der Geschichte. Die übrigen Kapitel folgen ab morgen und enden am Sonntag.]

Vinícius schiebt seinen kleinen, mobilen Krämerladen vor sich her. Den Kopf hält er gesenkt. Er ist müde. Seit 6 Uhr in der Früh ist er auf den Beinen. Jetzt ist es bereits wieder dunkel, sein Schubwagen schwerer als er es am Morgen war. So zumindest kommt es ihm vor. Obwohl die Geschäfte ganz ordentlich liefen heute. Jetzt steht er an einer Kreuzung und will hinüber. Er hebt den Blick. Direkt über seinem Kopf schaltet die Ampel um. Vinícius müsste seinem Wagen jetzt eigentlich einen Schups geben, ihn und sich in Bewegung setzen, damit beide rechtzeitig die andere Strassenseite erreichen, bevor die Ampel wieder umspringt und der Verkehr anrollt. Aber etwas hält ihn zurück. Etwas ist anders heute. Die gegenüberliegende Strassenseite liegt im Dunkeln. Kein Licht in den Läden, kein Licht im Café, das er da an der Ecke weiss, kein Licht auch in den Fenstern darüber.

Vinícius liebt Überraschungen nicht. Er ist ein Gewohnheitsmensch. Es ist jeden Tag dieselbe Route, die er mit seinem Krämerwägelchen abläuft. Meist sind es auch dieselben Kunden, die ihm eine Tüte Kekse oder ein Dutzend Haargummis abkaufen. Immer auch dieselbe Grossmutter, die eine kleine Puppe oder ein Plastikauto für ihre Enkelkinder kauft. Auf derselben Bank pflegt Vinícius jeden Tag zu Mittag zu essen, täglich hinter demselben Baum diskret sein Geschäft zu machen. Woche für Woche wiederholt sich die Routine und jede zufällige Abweichung davon verunsichert ihn. So, zum Beispiel, wenn ein Tourist auf ihn zukommt und ihn fragt, ob er ein Foto von ihm und seinem exotisch anmutenden Shop auf Rädern machen darf. Man sieht es ihm auf dem Bild an, dass ihm nicht wohl ist dabei, wie er da neben seinem bunten Wägelchen steht, die eine Hand im Hosensack, die andere vor dem Mund. Vinícius mag den Trott. Da reicht die geplatzte Birne einer Strassenlaterne, an der er auf dem Nachhauseweg jeden Abend vorbeikommt, um ihn aus dem Tritt zu bringen. Vinícius ist – und das ist vielleicht das Wort, das ihn am zutreffendsten beschreibt - ein unsicherer Mensch.

Längst ist die Ampel wieder umgesprungen, der Verkehr wieder angerollt, und noch immer steht Vinícius auf derselben Strassenseite und starrt in die gegenüberliegende Finsternis. Er muss dort hinüber, wenn er nach Hause kommen will. Sein Weg führt über die Kreuzung, dann einen Häuserblock links am Supermarkt vorbei, der jetzt auch im Dunkeln liegt, und dann rechts einen Hügel hinauf, dessen tausend Lichter ihn an normalen Abenden deutlich vom Nachthimmel abheben. Aber heute ist er nicht einmal zu erkennen, so undurchdringlich ist die Dunkelheit, die da auf der anderen Strassenseite beginnt. Die unbeleuchtete Nacht ist nicht Teil von Vinícius Leben. Sie gehört nicht zu ihm. Selbst wenn er schläft, brennt ein Lichtlein zu Füssen der Heiligen Mutter Gottes, die neben seinem alten Bett seit dem Tod seiner Frau über seinem Schlaf wacht.


finis terrae |
Markus A. Hediger am 17.09.2008
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