Kiruna
Das Leben auf Band
Enttäuscht von den Ergebnissen ihrer Suche nach Inspiration in der Friedhofskapelle, wählt Kristin den einzigen Ausweg, den sie noch sieht. Das Risiko, nichts aufzunehmen und zu warten, bis ihr etwas einfällt, das sie aufnehmen könnte und das ihr erlaubte, mit gutem Gewissen zu sterben, will sie nicht eingehen. Sie kann ja jederzeit sterben. Also macht sie es sich zur Angewohnheit, immer einen kleinen Rekorder bei sich zu haben, mit dem sie aufnimmt, was sie gerade tut.
Kristin mit einer Freundin in einer Bar.
Kristin beim Flirten.
Kristin beim Flirten mit Göran.
Kristin bei einem nächtlichen Spaziergang mit Göran.
Kristin bei einem Nachttrunk in Görans Wohnung.
Kristin im Bett mit Göran.
Wenn die eine Seite der Kassette bespielt ist, bittet sie kurz um Entschuldigung, wendet das Band und stellt den Rekorder wieder an. Göran stellt keine Fragen. Kristin erklärt es ihm.
Die Beliebigkeit der Erinnerungen
Am nächsten Tag begibt sie sich auf den Friedhof. Sie betritt die kleine Kapelle. An ihrer Unsicherheit und an ihrem Alter erkennt der Priester den Grund ihres Besuchs. Er führt sie an die endlosen Regale heran, in denen die zahllosen Kassetten bereits Verstorbener aufgebahrt sind. In wenigen Worten erklärt er ihr die Funktionsweise des Kassettenrekorders, reicht ihr einen Kopfhörer und lächelt ihr aufmunternd zu. Dann lässt er sie allein.
Kristin verbringt den Tag damit, wahllos Tonbänder abzuspielen. Sie will wissen, was möglich ist, hofft auf Inspiration. Die ersten Erinnerungen der Toten hört sie sich noch ganz an. Vier Stunden, vier Leben. So komme ich nicht weit, denkt sie, während sie auf ihrem mitgebrachten Sandwich herumkaut. Nach der Mittagspause geht sie dazu über, in die Kassetten nur hineinzuhören, vorzuspulen, zwei Minuten den manchmal enthusiastisch, manchmal müde vorgetragenen Leben zu lauschen. Ein Leben knüpft nahtlos an das andere an, es ist völlig egal, wer da spricht, was der da erzählt, der nicht mehr ist.
Als sie entdeckt, dass es unter den Toten auch solche gibt, denen die Zeit nicht gegeben war, sechzig Minuten lang zu sprechen, erinnert sie sich an die Worte ihrer Mutter. Für diese sprechen die Angehörigen, die Freunde, die Hinterbliebenen. Es sei denn, der Verstorbene habe eine Verfügung unterzeichnet, wonach die Kassette nicht zu besprechen sei. Schiebt man sie in das Abspielgerät, hört man nur ein Rauschen, ein elektromagnetisches Schnaufen, willkommene Ruhe.
Das grosse Vergessen
Im Durchschnitt sind einem Leben auf Labrador 26’280’000 Minuten gegeben. Wie, fragt sich Kristin nun, ist es möglich, mehr als 26 Millionen gelebter Minuten auf eine Stunde zu reduzieren? Ich bin jetzt achtzehn, was in etwa 9,5 Millionen bereits gelebten Minuten entspricht. Müsste ich in diesem Moment meine Erinnerungen auf Band sprechen, kämen auf jede erinnerte Minute ca. 158’000 weitere, die dem Vergessen geopfert werden müssten. Das, schreibt Kristin, ist ein zu grosses Opfer. Es käme dem Eingeständnis gleich, dass ich mein Leben (mit Ausnahme der fraglichen 60 Minuten natürlich) umsonst gelebt hätte.
Selbstverständlich weiss sie aber auch, dass es kein Entkommen gibt: Das Band ist das einzige legale, erlaubte und gesetzlich anerkannte Erbe, das ich hinterlassen darf. Ob ich will oder nicht, eines Tages werde ich meine Wahl treffen müssen: welche 60 Minuten erinnert und welche 26’279’940 vergessen werden sollen.