Indochina

Mutterersatz

Dem Erkundungsroboter der PHANTOM-Serie war es gelungen, das Vertrauen der Witwe Yuan Quzi in kurzer Zeit zu gewinnen. Er war ihr durch den Tag gefolgt, immer an ihrer Seite, war ihr das Bein gewesen, das ihr fehlte. Wohin PHANTOM ging, folgte das verbliebene Bein der Witwe nach. Seit langem hatte sie sich wieder auf die Strasse hinausgewagt, hatte sich stolz und aufrecht gezeigt. PHANTOM machte, dass Witwe Quzi sich ganz fühlte.
Das Dorf befand sich in einem Zustand arger Zerstörung. Witwe Quzi traf auf vereinzelte Gestalten, die durch die Trümmer schlichen, Menschen, die sie von früher her noch kannte, doch kaum wiederzuerkennen, so tief und hässlich gezeichnet waren sie von dem, was die Kriegsmaschinerie ihnen angetan hatte.
Als die Waisenkinder Dai und Hu Xiazhi PHANTOM das erste Mal sahen, erschraken sie und weinten. Da liess PHANTOM die Witwe Quzi auf einem Bein merkwürdig tanzen, dass sie lachen mussten. So gewann PHANTOM ihre Herzen.
Als die Sonne hinter den Hügeln von Hau-Pei unterging, fanden Dai und Hu Xiazhi in ihrer Schlafstelle ein kleines Aggregat, das in ein Tuch aus Mutters Garderobe gewickelt war und Körperwärme abgab. Dai und Hu riechten daran. Das Gerät sonderte ein dem menschlichen Schweiss nachempfundenes Sekret ab.

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Markus A. Hediger am 10.01.2007
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Das fehlende Glied

Hinter den Hügeln von Hau-Pei brach der Morgen an. In den Wäldern sangen die Vögel. Leichter Nebel schwebte über dem Bach, der an Witwe Juan Quzis Haus vorbeiplätscherte. Noch schlief sie darin und träumte vom Krieg, der ihr Mann und Bein genommen hatte. Dieser und andere, ähnliche Alpträume plagten sie, wenn sie im Morgengrauen endlich in einen unstillen Schlaf fand. Der Krieg war nicht vorbei, träumte sie. In ihren Träumen war kein Friede. Sie sah darin Raupenfahrzeuge durch die Wälder brechen, hörte scharfe Schüsse in der Nachbarschaft, hörte, wie der Gartenzaun durchbrochen wurde, hörte das leise Surren von Kameras, das Quietschen kleiner Gummireifen auf blankpolierten Dielen, hörte, wie die letzte Tür aufgeschoben wurde.
Witwe Quzi erwachte und blickte in das blinkende rote Auge eines Erkundungsroboters der PHANTOM-Serie. Sie erschrak, griff nach ihrer Krücke, sie wollte flüchten, griff, statt an Holz, an einen kalten Lauf, der sich sanft in ihre Hand schob. Das Eisen der auf den Roboter montierten Schussanlage fühlte sich fest an. Witwe Quzi liess nicht los. Sie zog sich daran hoch, bis sie aufrecht stand. Feinfühlig folgte die Maschine ihren Bewegungen, ahnte sie voraus, gab der armen Frau Halt. Witwe Quzi wollte in die Küche. PHANTOM verhielt sich ganz wie das Bein, das ihr fehlte.
Den Mann jedoch konnte er ihr nicht ersetzen.

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Markus A. Hediger am 09.01.2007
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Friede. Prolog.

Als der Friede kam, räumte der Feind besetzte Städte, Truppenunterkünfte und Kommandozentralen. Kriegsgerät, vieles zerstört, einiges arg mitgenommen, doch manches völlig intakt, wurde zurückgelassen. Die Kriegskasse war leer und Geld für einen logistischen Aufwand dieser Grössenordnung nicht vorhanden. In der Heimat arbeitete man bereits an der Entwicklung einer neuen Waffengeneration.
Mit dem Anbruch der Friedenszeiten begann für das geschundene Land die Zeit des Wiederaufbaus. Frauen und Kinder räumten Trümmer beiseite, geschwächte Soldaten besserten Strassen aus. Eine gute Seele kochte Suppe für die Arbeiter. Still vor sich hin blinkendes Kriegsgerät wurde nicht angefasst. Es war zu schwer, um von Menschenhand bewegt zu werden. Wo nicht anders möglich, wurden Wände um leise surrende Kanonentürme errichtet und das rotierende Rohr als tragendes Element verwendet. Schiere Not erzwang eine erste Annäherung zwischen Mensch und Kriegsmaschinerie. Intelligente Waffen akzeptierten ihr Schicksal. Es fehlten die Kommandeure an den Schaltpulten und Programmierungskonsolen. Die Betriebssysteme liefen, aber sie liefen ins Leere. Zeile um Zeile durchliefen sie ihren Code auf der Suche nach neuem Sinn. Viele scheiterten und schalteten in den Stand-by-Modus. Andere (wenige) fanden ihn.

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Markus A. Hediger am 08.01.2007
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