Die Tage seit der Einreise

Fahrt übers Land

Schon als Kind waren mir die langen Busfahrten quer durchs Land lieb gewesen. Selbst wenn ich wusste, dass mich am Ende einer Reise der nackte Schrecken erwartete, tröstete mich die Strasse, machte die unmerklich sich wandelnde Szenerie mich ruhig. Die zweitausend Kilometer von Teresina nach Belém ins Internat zögerten den gefürchteten Abschied von meinen Eltern hinaus, für ein sechsjähriges Kind sind Brasiliens löchrige, meist nur notdürftig geflickten Strassen der Himmel, Sinnbild einer tumben Glückseligkeit. Vier Stunden Fahrt, 15 Minuten Pinkelpause, in diesem Rhythmus trug mich der Bus durch die Unendlichkeit. Die grösste Gnade des Himmels ist das Vergessen, das Erwachen aus ihm die Hölle, die niemand, der schon mal in ihr war, aus dem Gedächtnis löschen kann: Als sei es gestern passiert, sehe ich das zu einer Fratze schmerzverzerrte Gesicht meiner Eltern beim Abschied vor mir, und wie ich mich schreiend an sie klammerte, während der Internatsleiter vergeblich versuchte, mich von ihnen loszureissen.
Als Jugendlicher dann wähnt man sich der Hölle gewachsen, sie erscheint einem weniger schrecklich, weniger bedrohlich. Nach dem Abi fuhr ich mit zwei Kollegen von São Paulo nach Fortaleza, wo wir zwei Wochen am Strand verbringen wollten. 48 Stunden im Bus, der Blick geht zum Fenster hinaus, das üppige Gründ des Südens verblasst, vertrocknet kaum merklich, die Hügel verflachen sich zu einer Ebene, aus der in der Ferne einige Felsen ragen, die Strasse ist in miserablem Zustand, der Bus verlangsamt die Fahrt, kriecht an einem Unfall vorbei. Erst Feuerwehrmänner, die Blut von der Strasse spritzen, dann ein Lastwagen, kaum beschädigt, schliesslich das Chassis eines PKWs: der gesamte Aufbau ist weggerissen, geblieben ist der Motorblock, die Sitze im Passagierraum, auf den Sitzen entköpfte Torsos.

Die Tage seit der Einreise |
Markus A. Hediger am 12.07.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Kindheit in Lichtbildern

Endlich habe ich den Mut gefunden, mit dem Schreiben des “Bilderbuchs” meiner Kindheit zu beginnen. Die Dias, die mein Vater während seiner Missionstätigkeit in Brasilien schoss, liegen vor mir. Ich sortiere, wähle aus. Mir ist klar, dass der Umgang mit ihnen eine besondere Sorgfalt und Sensibilität voraussetzt - sowohl was die Bilder selbst als auch was meine Erinnerungen angeht, die ich mit ihnen verknüpfe.

image


Es liegt eine stille Arbeit vor mir, die eine ganz andere Einstellung zu meinem Leben verlangt und für die eine ganz andere Energiequelle gefunden werden muss als jene, die meinem Büchlein “Krötenkarneval” zugrunde liegt. Die Entwicklungen wiederum, die ich während dem Verfassen des Krötenkarnevals durchgemacht habe, haben mein Verhältnis zu dem riesigen Bilderarchiv meines Vaters massgeblich verändert. Vieles liegt jetzt wieder roh und aufgebrochen vor mir, gleichzeitig ist meine Kindheit in noch weitere Ferne gerückt: die Dias zeugen von einer Welt, die es nicht gibt.
Hier die richtigen Worte zu finden, die einerseits dem unmittelbaren Eindruck, den die Bilder meines Vaters auf mich machen, und andererseits der Distanz, die zwischen Vergangenheit und Gegenwart durch meine Rückkehr nach Brasilien zu liegen gekommen ist, gerecht zu werden - es ist eine Arbeit, die mir ein bisschen Angst macht. Ich muss mich - wieder einmal - mir selbst aussetzen. 

Die Tage seit der Einreise |
Markus A. Hediger am 03.07.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink

Mit einem schlechten Gefühl

Ich war heute mit einem schlechten Gefühl erwacht, hatte mich unsicher, bedroht gefühlt. Dennoch fuhren wir an den Strand. Es war ein herrlicher Tag, blauer, wolkenloser Himmel, angenehme 27 Grad. Unsere Tochter genoss den riesigen Sandkasten, spielte, inspizierte das Meerwasser immer wieder mit der Zunge.

image

Zum Mittagessen waren wir bei meinen Schwiegereltern verabredet. Plötzlich Rufe auf der Strasse, wir eilen an die Fenster, sehen Menschen den Asphalt stürmen. Der Verkehr gerät ins Stocken, die Menschen auf der Strasse verlangen laut nach Gerechtigkeit, eine Frau trägt das Bild eines Jungen vor sich her. Die protestierende Prozession zieht vorbei, es wird wieder ruhig, von Nachbarn erfahren wir, dass ein Junge einige Stunden zuvor überfahren worden war.
Dann hören wir einen lauten Knall. Hundert Meter von uns entfernt steht ein Bus in Flammen. Ob das mit dem Tod des Kindes zu tun hat, wissen wir nicht, oder ob irgendwelche Chaoten die Situation genutzt haben, um dieses blödsinnige Verbrechen zu begehen, das allen, wirklich allen nur schadet.

image

Nach dem Überfall in der unmittelbaren Nachbarschaft vor wenigen Wochen, nun das.

Die Tage seit der Einreise |
Markus A. Hediger am 24.05.2008
(0) Kommentare • (0) TrackbacksPermalink
Seite 1 von 8  1 2 3 >  Letzte »