Sally (2). Who Killed Daddy?
Etwas ist schief gelaufen. Der Tod deines Vater war nicht geplant, nicht vorgesehen, er kam zu früh. Ich empfinde Mitleid für dich, mehr noch, ich trauere mit dir. Als Schriftsteller glaube ich an eine Verantwortung des Schöpfers gegenüber seinen Geschöpfen – in deinem Fall habe ich ohnehin schon die Grenzen des Zumutbaren überschritten, habe dir Ungeheures abverlangt. Wie hätte ich dir mit gutem Gewissen den Vater, den einzigen Menschen, der dein Leiden zu lindern noch in der Lage war, nehmen können? Glaub mir, Sally. Als ich die Bilder des in Flammen stehenden Smithsonian in den Abendnachrichten sah und von deiner Flucht erfuhr, als ich dann – in höchstem Masse alarmiert – eine Freundin in Washington anrief und von ihr vom Tod deines Vaters erfuhr, wollte ich es nicht wahrhaben. Das konnte nicht sein! Ich brauchte deinen Vater lebend, um diese Geschichte anständig zu beenden. Doch jetzt ist er tot, und ich weiss nicht mehr, was aus dir werden soll. “Sei auf der Hut”, warnte mich die Freundin am Telefon, “Sally glaubt, du seist für den Tod ihres Vaters verantwortlich.”
Ich war es nicht, der deinen Vater tötete. Um es dir zu beweisen, habe ich mich aufgemacht, dich zu treffen. Während du auf deinem Weg an die Westküste eine Spur der Verwüstung durchs Land ziehst, sitze ich im Flieger nach Los Angeles. In Long Beach, wo wir uns das erste Mal begegneten, werde ich auf dich warten. Ich sorge mich um dich, ich sorge mich um diese Geschichte, weil ich nicht mehr weiss, wie sie enden wird.
Sally (1). On fire.
Längst läuft es barfuss, das geschundene Mädchen aus Black Mountain. Black Mountain, ihr Heimatdorf, liegt weit hinter ihr, Black Mountain ist nur noch ein Name, keine Erinnerung wert, das Mädchen Sally ist jetzt eine Frau. Feuerrotes Haar fällt ihr in schweren, verfilzten Strähnen ins Gesicht und über die Schultern. Sie trägt ein weites, verdrecktes T-Shirt, weite, zerrissene Hosen. Ihre Schuhe verlor sie, als sie in der Nacht bei Phoenix den Interstate Highway I-10 überquerte und von einem herannahenden Truck aus ihren Gedanken gerissen wurde und sich sputen musste. Sie hätte nochmals zurückkehren, einen Moment der Verkehrsberuhigung abwarten und ihre Schuhe, die jetzt auf der Fahrbahn lagen, auflesen können, doch – wozu?
Es kümmert sie nicht, dass der Asphalt, auf dem sie schreitet, sich unter ihren nackten Sohlen verflüssigt und unter ihrem Gewicht nachgibt, dass der Sand, auf dem sie läuft, unter ihren Füssen schmilzt, kümmert sie nicht, dass das Gras, auf das sie tritt, Feuer fängt und brennt.
Ein Canyon brennt lichterloh, Löschfahrzeuge donnern mit heulenden Sirenen an ihr vorbei, Hubschrauber kreisen am Himmel und werfen Wasser in die Schlucht. Doch Sally kümmert’s nicht. Sie trägt das Feuer, das in ihrem Innern brennt, jetzt durch die Wüste. Schon zeichnet das Städtchen Quartzite an der Grenze zu Kalifornien seine Häuser an den flimmernden Horizont. Der Sand unter ihren Füssen wird, wohin sie tritt, zu Glas. (Wie hat sie diese Hitze verflucht, wie gelitten unter diesen Flammen, die an ihren Organen lecken und unter der Haut Blasen werfen! Wie hat sie sich nach Kühle gesehnt! Danach, einmal, nur ein einziges verdammtes Mal, kalte Hände zu haben! Sally, das medizinische Wunder, Sally, der menschliche Geysir,) Sally, Sally, mein Kind, dein Vater ist tot. Das ist das einzige, woran sie jetzt denken kann, wie weggeblasen alles Selbstmitleid, alles Leid, das ihr zugefügt worden ist, Sally, Sally, mein Kind, dein Vater ist tot, Sally ist auf der Suche nach dem Hurensohn, der ihr den Vater nahm.
Der komplette Text: Sandra Dir. “Reise ins Wasser”.
inkl. Ende in einer ersten Rohfassung als PDF >>> hier zum Downloaden.
Diese Version ist bereits leicht überarbeitet. Aus dem (für mich) unerwarteten Ende ergab sich die Notwendigkeit, einige kleinere Passagen schon früh im Text anzupassen. Wo mir bei einer Durchsicht auch noch sprachliche Unsauberkeit auffiel, habe ich diese bereinigt. Die endgültige Überarbeitung nehme ich vor, wenn ich zum Text etwas Abstand gewonnen habe.
An dieser Stelle möchte ich ganz herzlich meinem Leser GTaag danken, der die Entstehung des Textes mit gut begründeter Kritik begleitet hat.
Feedback, auch kritisches, ist immer noch - auch für den Gesamttext - sehr willkommen. Die Überarbeitung einer Erzählung ist das Härteste und Unangenehmste an meiner Schreibarbeit. Dementsprechend dankbar bin ich für jede Hilfe.
Ab morgen geht es hier mit Mister Woo’s “The Art of Dying in a Room” weiter. Die Gegner von Fortsetzungsgeschichten auf Weblogs (siehe dort in den Kommentaren) mögen es mir nachsehen. Ich werde versuchen, jedes Kapitel so zu schreiben, dass es - auch für sich gelesen - eine fast in sich geschlossene Einheit bildet und somit auch unabhängig des Gesamtkontextes lesbar bleibt.