Benguela

Eine schlechte Geschichte

Als Beispiel: Malu ist mit der schönen Iada verheiratet. So viel er weiss, ist er der einzige, der in den Genuss ihrer dichten Haut gekommen, der einzige, der in den Rausch ihres schwarzen Haares getaucht ist. In seiner offiziell propagierten Biographie ist Malu mit der abenteuerlichen Duni verheiratet, doch das tut hier nichts zur Sache. Dann, eines Tages, geht das Gerücht in Dndran um, Belele habe ein Verhältnis mit der schönen Iada. Schon seit einiger Zeit. Malu stellt Belele zur Rede. Dieser leugnet nichts (er glaubt Malu mit Duni verheiratet) und stellt sich dabei Iadas dichte Haut und das Rauschen ihres Haares vor. „Iada ist mein geheimes Leben“, sagt Belele.
Am nächsten Morgen, als die Geissen aus den Häusern auf die kargen Weiden getrieben werden, findet man Belele erschlagen unter dem Mangobaum. Als die Dorfältesten Sunda (dessen Biographie die schöne und berauschende Malu als Ehefrau führt) zur Rede stellen, streitet dieser jegliche Beteiligung am Belele-Mord ab. „Eine solche Tat“, sagt er, „passt nicht in meinen Lebenslauf.“

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Markus A. Hediger am 05.03.2007
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Sprünge und Brüche

Der Fluch von Dndran bestand darin, dass es unter seinen Einwohnern schlechte Geschichtenerzähler gab. Einigen misslang der Versuch, die eigene, entlehnte Lebensgeschichte weiterzuerzählen, so gründlich, dass die daraus resultierenden Handlungen anderen schadeten. Sie taten Dinge, die zu hässlichen Brüchen im Plot führten, weil sie aus der erzählten Vergangenheit nicht zu erklären, oder aber Charaktereigenschaften offenlegten, die in der selbstgewählten Figur nicht angelegt waren.
Wieder andere legten es in ihrem Tun genau darauf an: das Gelebte tief in das Erzählte hineingreifen zu lassen. Oder anders ausgedrückt: nicht zwischen Fleisch und Wort zu unterscheiden.

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Markus A. Hediger am 27.02.2007
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Fremdes Tun

Dass sowas wie Leben in Dndran überhaupt stattfindet, verwundert zunächst. Da die Erinnerungen eines jeden Einwohners Erinnerungen an Taten eines anderen sind, wäre zu erwarten gewesen, dass jeder darauf wartet, dass andere sein Leben fortführen. Zumal jetzt, da mit dem Einzug des ersten Fernsehgerätes sich die Anzahl verfügbarer Leben auf einen Schlag vervielfacht hat. Doch die Bürger von Dndran sind konsequent. Konsequent denken sie ihre plagiierten Erinnerungen weiter und handeln gemäss der inneren Logik ihrer Lebensgeschichte. Ihr Tun ist das Weitererzählen eines fremden Lebens.
So erklären sich die Zeugenaussage unter dem Mangobaum von Dndran: „Ich war es nicht.“

Benguela |
Markus A. Hediger am 26.02.2007
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