- Und so geschah es

Der Minutenmensch (4). Bildlichkeit und Liebe.

>>> Nachtrag zu Bio (6)

Die Internatserfahrung als sechsjähriges Kind wäre keine traumatische gewesen, hätte nicht jene katastrophalen Auswirkungen gehabt, die sich erst vierzehn Jahre später voll entfalten sollten, wäre das Internat kein christliches gewesen. Ich habe im Lauf der Jahre mit anderen Menschen gesprochen, die ebenfalls jung in ein Internat geschickt wurden, die es da auch nicht einfach hatten, aber heute lachend davon erzählen. Mir zieht es immer noch das Herz zusammen, wenn ich an meine Zeit dort denke.
Meine Eltern, obwohl streng gläubig, liebten die Menschen, mit denen sie arbeiteten, liebten die Erde, auf der sie lebten. In den Fotos meines Vaters entdecke ich oft eine Zärtlichkeit, die mich immer wieder überrascht. Oder anders ausgedrückt: Liebe begnügt sich nicht damit, in Worten ausgedrückt zu werden. Sie will werden, und schafft so Momente, die festgehalten werden wollen. In der Erinnerung, auf Fotos. (Was hätte mein Vater ohne seine Voigtländer getan? Gemalt vielleicht? Geschrieben sicherlich nicht. Für ihn ist das Wort ein Privileg des Religiösen, etwas, das im Spirituellen nur sich voll entfaltet. Ich stelle mir bisweilen vor, es hätte seine Fotos nie gegeben. Ich würde heute wohl mit ihm kaum mehr reden. Ich wüsste nicht, wo ich bei ihm sonst nach einem Beleg seiner Liebe suchen sollte.)
Im Internat arbeiteten Lehrer, die von der Mission aus Europa nach Brasilien geschickt worden waren, mit der einzigen Aufgabe, den Missionarskindern eine anständige Schulausbildung zu ermöglichen. Sie alle waren Christen - aber keine Missionare. Das heisst, keiner von ihnen hatte intensiven Kontakt zu Brasilianern, sie lebten auf einem nach aussen abgeschotteten Gelände, hatten nur uns Kinder, die sie zu erziehen hatten. In der Abgeschlossenheit nimmt das Christentum tyrannische Züge an. Es unterwirft sich und beherrscht jeden Quadratmeter innerhalb der Mauern: das kleine Stück Urwald auf dem Gelände, das man noch hatte stehen lassen, die Schlafräume und Schulzimmer, die Sportfelder, die Träume der Kinder. Um sich die Zeit zu vertreiben, stopfte der Internatsleiter Kröten und Vögel aus, die er auf dem Schulgelände fing. Die Regale in seinem Büro waren mit diesen präparierten Tieren vollgestellt. Wurden wir hineingerufen, mussten wir vor diesen Toten die Hosen runterlassen und bekamen vor ihnen eine Tracht Prügel verpasst. Als ich davon viele Jahre später meiner Mutter erzählte, weinte sie. Über die Prügel lache ich heute, über die toten Tiere nicht.

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Markus A. Hediger am 14.02.2008
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Ins Bildlose. Bio (6)

Als unsere fünfköpfige Familie im Sommer 1974 aus einem jährigen Aufenthalt in der Schweiz nach Brasilien zurückkehrte und in Belém einen Zwischenhalt einlegte, ging es zu viert weiter ins Landesinnere. Ich habe keine deutliche Erinnerung an diesen Umstand, vage nur erinnere ich mich, dass ein halbes Jahr später meine ältere Schwester in den Ferien zu uns kam und mit mir Schule spielen wollte. Ebenso verschwommen sind meine Erinnerungen an die Vorbereitungen, die meine Eltern für den Sommer 1975 trafen. Am deutlichsten sind mir die Bilder von anderen Missionarskindern vor Augen, die in der Nähe wohnten und mir erzählten, was auch mir in Kürze blühen würde. Das Ritual war jedes Jahr dasselbe: Wenn die Ferien zu Ende gingen, wurden die Missionarskinder verschiedener Familien an einen Treffpunkt gebracht, von dort begleitete ein Missionar die Kinder nach Belém ins Internat. War es für ein Kind die erste Reise, wurde in der Regel dessen Vater mit dieser Aufgabe betraut. Im Sommer 1975 also bestieg mein Vater mit mir und drei anderen Kindern einen Bus, ich liebte das Reisen, hoffte, dass der Bus nie ankommen würde. In Belém angekommen, wurden wir im Gästehaus der Mission untergebracht, ich hielt mich immer sehr nah an meinen Vater, irgendwie schien ich den Abschiedsschmerz zu ahnen, der mir bevorstand. Es kam der erste Schultag, am frühen Morgen fuhren wir in ein Aussenquartier der Stadt, fuhren an Häusern vorbei, dann durch ein Tor in ein grünes, weitläufiges Gelände. Mein Gepäck wurde in den Schlafraum der Buben gebracht, sechs Betten standen da, ich weiss noch, wie ich den Internatsleitern vorgestellt wurde, einem norddeutschen Ehepaar, sie gross und schlank, er klein, glatzköpfig, dick. Sie sagten irgendetwas zu mir, ich antwortete mit einem “Hä?”, worauf ich die erste Abreibe erhielt: “Das heisst nicht “hä”, das heisst “Wie bitte"!" Ich verstand deutsch, sprach es aber nicht. Dann läutete die Schulglocke, ich musste in die Klasse, Vater ging noch was erledigen, dann wurde ich aus dem Unterricht gerufen, draussen stand mein Vater schon neben dem Wagen, der ihn zum Busbahnhof bringen würde, er verabschiedete sich von mir, ich klammerte mich an ihn. Die Internatsleiter rissen mich von ihm los, ich sehe noch heute das schmerzverzerrte Gesicht meines Vaters, und wie er versucht, mich abzuschütteln.
Abends, nach der Abendandacht (von der später zu reden sein wird), die anderen Kinder schliefen schon, weinte ich noch immer. Um die Kinder nicht zu wecken, schlich ich mich in den Gang, Tante Christel, die Internatsleiterin, entdeckte mich auf ihrem Kontrollgang, fragte, was los sei. Kopfweh, muss ich gesagt haben, denn sie kam mit einem Aspirin und einem Glas Wasser wieder. Draussen riefen die Kröten. Es regnete, glaube ich.
(Ich dramatisiere natürlich etwas. Das sechsjährige Kind, das ich damals war, erlebte diesen Tag benommen und erschöpft. Einige Tage später war das Zubettgehen kein Problem mehr, in den Betten nebenan lagen ja die neugewonnenen Freunde und der Unterricht ermüdete und tat sein Übriges für einen guten Schlaf. Der Einzug ins Internat wäre nicht weiter bemerkenswert gewesen, hätte er nur eine persönliche Zäsur dargestellt, ein kleines Trauma. Aber er markierte auch die Begegnung mit einer anderen Glaubensform, einem bildlosen Christentum.)

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Markus A. Hediger am 14.02.2008
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Acker und Behandlungszimmer. Bio (5)

Dass meine Eltern nicht nur den Mund auftaten und das Wort Gottes predigten, sondern auch Hand anlegten und auch in ganz profanen Dingen der Bevölkerung halfen (mein Vater, indem er den Bauern half, ihre Kräfte zu bündeln und Genossenschaften zu gründen,

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meine Mutter, indem sie kleinere Leiden behandelte - obwohl, ein Bild ist mir geblieben, das sich nicht unter den Dias meines Vaters befindet, das einer Frau, die sich mit einer vom Krebs völlig zerfressenen Brust bei uns einfand, ein anderes von einem Mann, dessen Gesicht von Lepra schon grässlich entstellt war

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). Kam ein Bettler vorbei, war für ihn an unserem Tisch immer ein Platz frei.

Später, als ich in eine heftige Krise mit dem Glauben meiner Eltern geriet, waren die Erinnerungen an ihre Liebe zu den Einheimischen möglicherweise DER Grund, weshalb ich den Kontakt zu ihnen nicht ganz abbrach. Die Nähe zu den Brasilianern, die ich durch unsere Familie in den frühesten Jahren erlebte, ist möglicherweise auch DER Grund, weshalb ich heute wieder in diesem Land lebe.

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Ich erlebte meine Eltern (und mich) in diesen Jahren glücklich. Die Menschen kamen oft auf ihren Eseln und Maultieren zur Behandlung und banden ihre Tiere an das Tor vor unserem Haus. Als ich gross genug war, aufs Tor und von dort auf die Tiere zu klettern, unternahm ich manchen unerlaubten Ausflug in das Städtchen. Wenn Vater am frühen Morgen auf die Felder zu den Bauern hinausging, begleitete ich ihn, um nach getaner Arbeit heimzukehren und gemeinsam zu frühstücken.
Später, als mein Vater in die Missionsleitung nach Belém berufen wurde und er vor allem Büroarbeit zu erledigen hatte, war diese Magie weg. Erst gegen Ende ihrer Tätigkeit, wenige Jahre vor ihrer Pensionierung, als sie wieder vermehrt im Landesinnern unterwegs waren (diesmal auf den Flüssen und in den Wäldern des Amazonas) blühten sie noch einmal auf. 

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Markus A. Hediger am 04.02.2008
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Stimmungen. Reisen. Bio (4)

Eine Kindheit voller Abenteuer. Neugierde, die mich gelegentlich in Teufels Küche brachte. Geschichten, an die ich mich nur teilweise erinnere, andere, die mir derart lebhaft vor Augen stehen, dass ich schwören könnte, sie seien passiert. Sind sie nicht, meinen meine Eltern, zumindest nicht so, wie du glaubst. Andere wieder sind so oft von verschiedenen Leuten wieder und wieder erzählt worden, dass sie in meine eigene Erinnerung eingegangen sind. Eine tückische Sache, das, aber davon soll heute nicht - später schon noch - die Rede sein.
Denn wichtiger als die Erinnerung an konkrete Ereignisse ist die Stimmung, die sich über die Erinnerung meiner ersten sechs Lebensjahre legt. Sie ist positiv, leicht und fördert Bilder hauptsächlich von Reisen zu Tage. Wir reisten viel, die Einsatzorte meiner Eltern (er als Missionar und Prediger, sie als Krankenschwester in einer Region, wo es kaum Ärzte gab) lagen weit verstreut. Ich liebte die Reisen, die oft Tage dauerten: Tage in sengender Hitze auf den harten Rücksitzen des Jeeps, der vollbepackt mit Medizin und Nahrungsmitteln sich auf miserablen Strassen durch den trockenen Busch mühte. Rast machte man, wenn man einen Ort fand, an dem man etwas Kochen konnte, oder etwas Schatten fand, oder an einem Wasserloch vorbeikam.

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Was mir jetzt, da ich diese Zeilen schreibe, auffällt: Die Erinnerungen an die ersten Jahre bilden, obwohl sehr vielfältig und durchaus nicht immer positiv (wie oben angedeutet schrammte ich mehrmals aufgrund meines waghalsigen Leichtsinns am Tod vorbei), ein kompaktes, solides Paket. Ein seltsames Gefühl. So als: Dieses Kind ist unerschütterlich fröhlich (was natürlich nicht stimmt. Es gibt einige Fotos, die mich weinerlich bzw. weinend zeigen. Ich sehe es heute in meiner Tochter wiederholt: Ein rundum glückliches Kind, das aber einige Male am Tag Tränen in den Augen hat, weil es mit dem Kopf wiederholt anstösst (mal an der Wand, mal an den Eltern). Es kommt auf den Augenblick an, in dem man auf den Auslöser drückt.)

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Markus A. Hediger am 02.02.2008
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Prägende Erde. Bio (3)

Nach der neunmonatigen Sprachschule zogen meine Eltern in das Städtchen Caracol, tief im Innern des brasilianischen Nordostens gelegen, wo sie unter sehr einfachen Verhältnissen lebten und arbeiteten. 1967 schliesslich kam meine ältere Schwester in Brasilien gesund zur Welt, im Sommer 1968 kehrte die Familie für einen Heimat- und Arbeitsaufenthalt in die Schweiz zurück. Einige Monate später wurde ich in Schaffhausen geboren, zehn Wochen später ging’s zurück über den Atlantik nach Caracol.

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Die Erinnerungen an die ersten Jahre meines Lebens sind geprägt von Bildern einer sehr trockenen Erde, dürren, dornigen Sträuchern, wolkenlosem Himmel.

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Es hat nachweislich auch andere Zeiten gegeben, Perioden heftigen Regens, während denen das Land aufblühte, die Bohnenfelder reiche Früchte trugen und die Strassen kaum mehr passierbar waren.

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Doch davon, von wolkenschweren Himmeln und Sturzbächen, sind mir nur die Fotos meines Vaters geblieben. Woran ich mich erinnere, sind fröhliche, unbesorgte, regenfreie Jahre. Es mag damit zusammenhängen, dass die erste wirkliche und schmerzhafte Zäsur in meinem Leben mit dem Umzug in das Amazonasgebiet stattfand, wo der Himmel in meiner Erinnerung immer tief und dunkel wolkenverhangen war. Ich sehe mich heute noch im Bett im Schlafsaal der Buben wachliegen, während draussen die Kröten das aufziehende Gewitter ankündigten. 

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Markus A. Hediger am 01.02.2008
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