Ich liege wach
I
Ich liege wach, mit geöffneten Augen in die Nacht hinein, und frage mich, wo die Dämonen geblieben sind, die meinen Schlaf bewegten. Seit einigen Nächten leide ich an Schlaflosigkeit und bewusst wird mir erst jetzt, weshalb: Schlafen kann ich nur, wenn meine Träume mich müde machen.
Ich liege wach und stelle fest, ich habe keine Träume mehr.
II
Auf dem Weg zum Goethe-Institut im Stadtzentrum. Es ist Abend, ich sitze im Bus. Ich sehe sie einsteigen, schlank, hochgewachsen, ein Gesicht so makellos, dass ich nicht benennen könnte, was mir daran gefällt. Aber ihr Duft!
Ich roch sie.
III
Schluss mit den Halbwahrheiten? Ist die ganze, die ungeschminkte, tatsächlich eine wünschenswerte Alternative? Gäbe es sie, ich lügte lieber.
IV
Auch Parfüm ist Schminke.
“Das TamTam Grand Hotel”: The B-Side
Endlich ist es da, das zweite Büchlein aus meiner Feder: “Das TamTam Grand Hotel”.
Viele der Themen, die in meinem ersten Buch “Krötenkarneval. Autobiographische Fiktionen” angerissen werden, werden im “TamTam” nochmals aufgegriffen, weiter- und zu einem Ende gedacht. Es ist, da als Erzählung konstruiert, wahrscheinlich unterhaltsamer als der “Krötenkarneval”, aber ebenso rigoros persönlich wie ersteres. Da “Krötenkarneval” sozusagen als Nebenprodukt der Arbeiten am “TamTam” entstand, und das “TamTam” auf den theoretischen und persönlichen Grundlagen des “Krötenkarnevals” aufbaut, lege ich den Lesern die Lektüre beider Bücher ans Herz. Erst durch das zweite erschliesst sich die volle Bedeutung des ersten. In meinen Augen gehören die beiden Bücher zusammen.
Die Einheit der beiden Bücher ist auch durch das Lektorat gegeben, das in beiden Fällen Benjamin Stein vorgenommen hat. Unerbittlich hat er darauf bestanden, mich nur mit dem besten zufrieden zu geben und hat mit unerschütterlich auf Verbesserungen gepocht, wenn ich selbst der Überarbeitungen längst müde war.
Ebenfalls aus derselben Hand stammen die Gesichter der beiden Bücher. Kerstin Klein hat wie schon für den"Krötenkarneval" auch fürs “TamTam” das passende Cover angefertigt und ich kann ihr nicht genügend dafür danken.
Ein besonderer Dank geht auch an den Herausgeber Hartmut Abendschein, der seinen Verlag für die Publikation dieses Büchleins zur Verfügung stellte. Wieder einmal ist mir klar geworden, dass ein Buch in erster Linie ein Gemeinschaftsprodukt ist und die Bedeutung des Namens auf dem Cover völlig überschätzt wird.
Diese beiden Büchlein werden für unabsehbare Zeit das letzte sein, was Sie von mir werden lesen können. Lebensumstände und Schwerpunktverlagerungen zwingen mich, meine Online-Aktivitäten auszusetzen und all meine Energien darauf zu verwenden, offline einiges zu bewegen. Schreiben werde ich weiter, aber eben vorläufig nur noch auf Papier.
Bestellen können Sie das ”TamTam Grand Hotel” entweder >>> hier oder >>> hier.
Den ”Krötenkarneval” bestellen Sie am besten >>> hier.
Heiligenbilder
“Santinhos”, kleine Heilige also, werden sie genannt, die visitenkartengrossen Papierchen mit Foto, Namen und Wahlnummer der Kandidaten, die vor den Wahllokalen verteilt werden. Angesichts der zahllosen Kandidaten, die sich um die wenigen zur Disposition stehenden Gemeinderatssitze prügeln (hier in Rio waren es über 1200 für 50 zu besetzende Sitze), ist es unmöglich, sich im Vorfeld der Wahlen ein fundiertes Bild aller Kandidaten zu machen. Man hat sie schon vor den Wahlen gesehen, auf Autoaufklebern und auf Fahnen, die am Strassenrand von verdungenen Gehilfen geschwungen werden. Aber es sind viele. Wie soll man sich da ein ganz bestimmtes Lächeln mit der dazugehörigen fünfstelligen Zahl merken? Da soll das Fernsehen Abhilfe beziehungsweise Klarheit schaffen, sagt der Staat und verordnet und berappt Wahlwerbung auf allen Kanälen: Fünf Sekunden für jeden Kandidaten, direkt nach der Tagesschau. Fünf Sekunden reichen für einen Satz, ein Gesicht folgt in diesem Rhythmus auf das andere, zwölf pro Minute, und jedes verspricht dem Wähler dasselbe Heil, ein besseres Rio. Da ist keine Zeit, um auf die gegen dieses Gesicht laufenden Gerichtsverfahren einzugehen, auch Jesus brach mitunter die Regeln und endete dafür am Kreuz. Um das zu verhindern, will jeder gewählt werden, denn als Gemeinderat bieten sich einem zahllose Möglichkeiten, sich das eigene Heil zu erkaufen.
Die Heiligenbilder sind also die letzte Gelegenheit, auf sich aufmerksam zu machen. Wie Konfetti werden sie vor den Wahllokalen ausgeschüttet. Es ist ein grosses, religiös anmutendes Fest. In einem Land, in dem Staat und Kirche offiziell getrennt sind, ist diese Praxis offiziell natürlich verboten. Aber wer wagt es schon, sich in diesem Land gegen die noch immer übermächtige Kirche aufzulehnen? Gott sei Dank besitze ich das hiesige Wahlrecht nicht. Wie könnte ich, im Wissen darum, dass die Politik jeden korrumpiert, guten Gewissens einem Heiligen meine Stimme geben?